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Hierka – Frauenverbrennungen in Neustadt/Dosse im 17. Jahrhundert (Teil 1)

  • 5. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Feb.

Im Kontext der Ausstellung, Hexe von S. in der Kirche von Hohenofen, fanden im Oktober 2025 zwei Historische Erkundungsaufstellungen (Hierka) mit Julia von Grünberg statt. Hier folgt nun eine Zusammenfassung??


Um wen geht es?

Eine jüngere und zwei alte Frauen im 17. Jahrhundert, am Anfang und kurz nach dem 30-jährigen Krieg, in den Dörfern um Neustadt an der Dosse:


Die Zeiten sind ärmlich und lebensgefährlich, das Land entvölkert. Sie fallen auf, weil sie laut sind, fluchen, sich wehren, sich um ihre Tiere kümmern und sie mit Pulver und Gebeten gesund machen. Angeblich richten sie Schaden an, sind am Unglück anderer Schuld und alle drei werden von ihren Nachbarn denunziert, leugnen und werden doch zum Tode im Feuer verurteilt. 

Warum? Weil sie unter der Folter gestehen, Hexen, Buhlen des Teufels zu sein, zaubern zu können und ihren Mitmenschen durch Zauberei geschadet zu haben. 


Photo ©Anke Meixner – Ausstellung HEXE VON S. – Ute Fürstenberg, Anke Meixner, Petra Walter-Moll – in der Kirche Hohenofen vom 13. September bis 5. Oktober 2025
Photo ©Anke Meixner – Ausstellung HEXE VON S. – Ute Fürstenberg, Anke Meixner, Petra Walter-Moll – in der Kirche Hohenofen vom 13. September bis 5. Oktober 2025

Wer legt eigentlich fest, was eine Hexe ist?

Heinrich Kramer heißt der Mann, der Ende des 15. Jahrhunderts definiert, was er für eine Hexe hält. Als Dominikaner-Mönch Henrico Institor diktiert er Papst Innozenz VIII. in die Feder, dass es die Existenz von Hexen gibt und sie verfolgt werden sollen, um anschließend mit eben dieser Bulle von Innozenz VIII. die Verfolgung der Frauen loszutreten. Ihre Verurteilung vor den weltlichen Gerichten betreibt er mithilfe eines gefälschten juristischen Gutachtens, das für die verdächtigten Frauen Folter und Tod auf dem Scheiterhaufen empfiehlt. Dann schreibt dieser von Ängsten besessene Mann auch noch den Malleus Maleficarum, das Buch der “Hexenhammer”. Er nennt es nicht korrekter Weise Malleus Maleficorum, sondern nutzt die weibliche Form, um schon im Titel zu verdeutlichen: die Frauen mit ihrer zügellosen Sexualität seien die Buhlen des Teufels. Nun ist der Zeitgeist formuliert, dem Femizid der Weg gebahnt und 25.000 Menschen im deutschsprachigen Raum,  zu über 85% Frauen in den protestantischen Gebieten, 60-70% in den katholischen werden aufgrund dieser krankhaften Wahnvorstellungen in den folgenden zwei Jahrhunderten ermordet. Warum nur? Ob es wirklich stimmt, was Kai Lehmann schreibt:  "Es könnte unter anderem daran liegen, dass Martin Luther die Bibel übersetzt hat mit den Worten "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen"... In der katholischen Vulgata-Ausgabe dagegen heiße es "Zauberer"." 


Ganz nahe hielten sich die Anklagen gegen die drei Frauen in Neustadt an das, was Heinrich Kramer im “Hexenhammer” formuliert hatte. Und erst nach ihrem Tod weicht der Hexenwahn, zieht eine neue Zeit ein in die Köpfe und in das Amt Neustadt an der Dosse. Eine Eisenhütte wird gegründet, ein Hafen wird gebaut, eine Glashütte, eine Papierfabrik folgen, viele neue Familien kommen dazu. Aufklärung und Bildung verdammen den Hexenwahn als Aberglauben. Das neue Urteil für Frauen, die aus der Reihe tanzen, lautet: Schwermut.

Aber diese drei Frauen: Ilse Möllers, Hedwig Behrendt, und Marie Rinow – wahrscheinlich alle aus einer Familie, sind die traurigen Todesopfer abwertender, patriarchaler Gedanken über Frauen an sich, ihre Kraft, ihre Stärke - und der überwältigenden Angst vor der Kraft schwarzer Magie.

4. Oktober 2025 in der Kirche Hohenofen, während sich im Raum die schwebenden Besen von Anke Meixner bewegen, die Vulven aus Filz von Petra Walter-Moll auf dem Altar liegen, die fliegenden Blätter von Ute Fürstenberg im Kirchenraum schweben, machen wir eine Hierka (Historische Erkundungsaufstellung) mit elf Teilnehmenden – 3 Männern und 8 Frauen. 


Wofür tun wir das? 


Um uns nicht nur visuell durch die Kunstwerke, nicht nur kognitiv durch Vorträge, sondern auch auf einer Gefühlsebene mit dem Vergangenen zu verbinden und dabei auch zu erfahren, wieviel von den Vorurteilen, den Ängsten, der Scham und der Schuld dieser traumatisierenden Erlebnisse noch in uns wohnt. Wir nähern uns den drei Frauen und der Situation, der sie ausgesetzt waren. Am Ende bleibt eine Ahnung, dass auch wir heute in unserer ewig menschlichen Struktur leicht hineingelangen in das Ausgrenzen des Anderen, was wir so modern “Othering” nennen. Unseren Blick zu erweitern ist das Ziel, wir stehen als StellvertreterInnen um zu ver-stehen.


Wie geht das? 


Buchstaben liegen in der Mitte, jede/r der 11 Anwesenden greift sich einen Buchstaben, fühlt sich ein und gibt dann den Gedanken, Gefühlen, Bewegungsimpulsen nach, die sich auf einmal einstellen. Denn hinter den Buchstaben stehen Begriffe, die für die Beteiligten zunächst unbekannt sind. Und dennoch entstehen Bilder in den Köpfen, Worte, Gefühle. Als die Begriffe zu den Buchstaben verraten werden, gibt es so manchen Aha-Effekt und keiner kann sich des Gedankens erwehren, dass die Bewegungen in der Gruppe nicht zufällig entstanden sind.

Es standen Stellvertretende für folgende Worte: 

  • A – Die schweigende Mehrheit – Frauen

  • B – Die schweigende Mehrheit – Männer

  • C – Die drei Opfer: Ilse Möllers 1620, Hedwig Behrendt, geb. Müller 1660 und Marie Rinow, geb. Müller 1669

  • D – Anklagende und Zeugen aus den Dörfern

  • E – Liborius Eck/ Ratsherren

  • F – Der Pfarrer und die Kirche

  • G – Altes Heilwissen (Kräuter, Böten, positive Glaubenssätze) - steht für die weiße Magie

  • H – Flüche (Fluchen, Beschimpfen, negative Glaubenssätze) - steht für die schwarze Magie

  • I –  die Produktion Hohenofen - Gründung von Neustadt

  • J – Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg

  • K – Das Neue

Während der Aufstellung:


Wir sehen, dass “die weiße Magie” und “die schwarze Magie” sich unwillkürlich nebeneinander gestellt und versichert haben, sie gehörten zusammen. Die Vertreterin, die für “die Ratsherren” stand, schimpfte lautstark auf “die schwarze Magie”. Die “schweigende Mehrheit” freute sich über den Herbst, die “Betroffenen” waren isoliert und traurig und fühlten sich als Hexe, “die Denunzianten” hingegen fühlten sich als Opfer und sagten, sie seien genötigt worden zu den Aussagen. Die “neue Zeit” kam von außen und blickte von außen und mit Abstand auf die Szene und die Vertreterin für “die Kirche” stand am Altar und sah gelbes und blaues Licht und stand einfach da wie in Ewigkeit. 

Aus dem, was wir bei der Aufstellung erlebt haben, ergeben sich für uns teilweise irritierende Fragen: ​

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  • Könnte es sein, dass die Kirche in Sieversdorf gar nicht so stark in die Hexenverfolgungen involviert war, wie wir das heute glauben, weil wir den fürchterlichen Hexenhammer im Kopf haben aus dem 15. Jahrhundert? Sondern, dass es die weltlichen Gerichte und der Scharfrichter waren, die den Prozess vorangetrieben haben – am Ende stand das juristische Gutachten aus Hessen.

  • Könnte es sein, dass an so einem Hexenprozess viele Männer auch gutes Geld verdient haben - und auch das eine Rolle spielte?

  • Könnte es sein, dass die Ratsherren damals unvorstellbar große Angst vor Schwarzer Magie hatten? “Du kommst mir hier nicht hoch, Du bist Schuld, Du hast uns das hier alles eingebrockt”, rief ihre Vertreterin – nicht ahnend, was hinter dem Buchstaben ihres Ansprechpartners stand.

  • Könnte es sein, dass die Kraft positiver und negativer Glaubenssätze, die Kraft der Heilkräuter und Gifte und die Kraft des Betens und Fluchens zwei Seiten ein und derselben Energie sind?

  • Könnte es sein, dass die Denunziation durch die Nachbarn nicht nur freiwillig geschah, sondern auf Druck und aus Angst?

  • Könnte es sein, dass die vor vierhundert Jahren verfolgten Frauen heute auf eine Entschuldigung von Seiten der Kirche und der weltlichen Gerichte warten? 

  • Könnte es sein, dass diese Traumata in uns noch viel stärker rumoren, als wir glauben. Und dass heutige Frauen bei sich manchmal Blockaden und Ängste wahrnehmen, die mit den Hexenverfolgungen seltsam räsonieren?

  • Könnte es sein, dass es auch deswegen dieses offizielle Schuldeingeständnis der kirchlichen und der weltlichen Macht braucht, eine Entschuldigung an alle Frauen, Männer und Kinder für diesen qualvollen Tod?

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Hierka können das Erleben verstärken und manchmal irritierende Einblicke bringen, das war in der Kirche in Hohenofen spürbar. Nicht umsonst stehen diese Art der Erkundungsaufstellungen auch für das, was Julia von Grünberg, die sie entwickelt hat, "Heilsames Erinnern” nennt. Sie können im besten Fall kollektive Zusammenhänge erkennbar machen. Auflösen jedoch kann sie nur jede/r für sich selbst. Im Rahmen des Kunstprojektes HEXE VON S. mit Ute Fürstenberg, Anke Meixner und Petra Walter-Moll. Mehr dazu hier: http://faserstoffpapier2024.zentrumfuerpapier.de/​







 
 
 

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