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Hierka am 20. Oktober 2025 im Schloss Metzelthin (Teil 2)

  • 19. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Stunde

Im Kontext der Ausstellung, Hexe von S. in der Kirche von Hohenofen, fanden im Oktober 2025 zwei Historische Erkundungsaufstellungen (Hierka) mit Julia von Grünberg statt. Hier folgt nun eine Zusammenfassung?


In dieser zweiten Historischen Erkundungsaufstellung im Schloss Metzelthin haben wir ein paar Tage später einige Fragen betrachtet, die für uns offen waren. Dabei stand das “Neue” im Mittelpunkt. 


Es zeigte sich, dass das “Neue” in die Gegend einzog mit dem Geld und der Energie der Margareta Brahe, der ersten Frau von Friedrich II. von Homburg, Hofdame schwedischer Königinnen, Witwe zweier bedeutender schwedischer Politiker aus der einflussreichen Familie Oxenstierna.


Margareta Brahe
Margareta Brahe

Diese alte, reiche Witwe aus allerbester schwedischer Familie heiratet 1661 einen jungen, adligen Nachzügler in Geldnöten, ein 7. Kind der kleinen hessischen Landgrafschaft Homburg. Sie weist die Mitbewerber ab und entscheidet sich für den 32 Jahre jüngeren Mann, einen kühnen Haudegen und Reitergeneral, der mit seiner eigenen Kompanie fünf Jahre für die schwedische Armee gekämpft hat und 1659 beim Sturm auf Kopenhagen sein rechtes Bein verlor. 


Die beiden lernen sich am schwedischen Königshof kennen, wo Friedrich seine Verletzung über Monate zu schaffen macht. Er will nach Hause, nach Homburg, um sich zu kurieren, sein Schiff gerät in einen Sturm, sein Rettungsboot zerbirst, er ertrinkt beinahe, in seinem kaputten Bein entsteht Wundbrand. Er wird gerettet, überlebt die Entzündung und kehrt an den schwedischen Hof zurück, um einen finanziellen Ausgleich für seinen Einsatz einzufordern. Der schwedische Hof ist zahlungsunfähig. Doch 1661 heiratet Margareta Brahe ihn im königlichen Schloss in Stockholm. Sie hat keine Kinder, aber ein Vermögen, das sie ihrem jungen Mann neun Jahre später hinterlassen wird, als sie mit 66 Jahren stirbt. 

Von ihrem Geld kauft Friedrich II. kurz nach der Hochzeit die Landschaft um Neustadt (Dosse) von Sieversdorf bis Bückwitz.


In diesen wenigen Ehejahren entsteht alles, was Neustadt (Dosse) nach über 350 Jahren heute noch besonders macht: das Gestüt, die Fabrik in Hohenofen, das Stadtrecht, die Dosseregulierung …


Neustadt bestand 1662 aus sieben Bauernhöfen, einer Mühle und einer Schmiede. Zwei Jahre später bekommt das Dorf vom brandenburgischen Kurfürsten das Stadtrecht. Das Paar gründet in Hohenofen eine Eisenerzverhüttung; eine Glashütte, eine Papierfabrik folgen. Die Dosse wird begradigt und zu einem Hafen erweitert und damit schiffbar gemacht, das Gestüt wird angelegt. Kolonisten werden angesiedelt, innerhalb weniger Jahre entwickelt sich das Dorf zu einer Stadt mit 50 neuen Familien, mit Arbeit für viele Menschen durch die frühe Industrialisierung – alles nach dem Muster, mit dem Margaretas Bruder Per Brahe als Generalgouverneur von Finnland kurz zuvor viele finnische Orte angelegt hatte. 


Neustadt (Dosse) aber dankte nicht Margareta Brahe, sondern allein “Friedrich II. von Hessen-Homburg, dem Helden von Fehrbellin, durch dessen Gunst dem Orte am 24. August 1664 Stadtrechte verliehen wurden.” Und setzte einen großen Findling zu seinem Gedenken. 

In unserer Aufstellung zeigt sich die Stellvertreterin, die für Margareta Brahe steht, enttäuscht, dass sie und ihre Leistung für die Region nicht gesehen wird. 


1669 starb Margareta Brahe, im gleichen Jahr, in dem in Sieversdorf Marie Rinow verbrannt wurde – zwei Frauenschicksale an den beiden Enden weiblicher Biografien in der frühen Neuzeit, beide für 350 Jahre fast vergessen. 


Könnte es sein, dass es an der Zeit ist, nicht nur an die armen, verbrannten Frauen des Amtes Neustadt (Dosse) zu erinnern, sondern auch an die starke Frau, an Margareta Brahe, die die heutige Form dieser Stadt und Gegend überhaupt erst ermöglichte? 


Über die Autorin: Julia von Grünberg hat an der FU-Berlin Geschichte studiert, Bücher über deutsche Geschichte geschrieben und kombiniert heute ihre Arbeit als Heilpraktikerin und Therapeutin mit ihrem Wissen über die Vergangenheit im deutschsprachigen Raum. Dafür hat sie das Format der Historischen Erkundungsaufstellungen (Hierka) entwickelt. Das ist ein niedrigschwelliger Einstieg in heilsame Erinnerungsarbeit für Menschen auch ohne Vorwissen, die sich in einer Hierka kollektiven Traumata aus verschiedenen Jahrhunderten nähern können, ohne von ihrer eigenen persönlichen Geschichte erzählen zu müssen.

 
 
 

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