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Vortrag mit experimenteller Hierka bei der Jahrestagung der DGfS in Uslar 15.-17. März 2026

  • 11. März
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Apr.


Es ging um Erfahrungen mit Historischen Erkundungsaufstellungen (Hierka) zu 200 Jahren mitteleuropäischer Geschichte. Eine experimentelle Hierka zum Thema “Queersein” schloß sich an. 


Warum es bei dem Thema “Queersein” eventuell wichtig ist, die historische Perspektive mit im Blick zu haben und das Konzept des Historischen Traumas auf die LGBTQIA+–Gemeinschaft anzuwenden, darum drehte sich die abschließende Diskussion. 


Wenn Geschichte im Körper spürbar wird: Die empathische Ebene der Biografiearbeit


Manchmal ruht eine Last auf den Schultern von Menschen, die sich mit den Werkzeugen der klassischen Psychologie oder Schulmedizin allein nicht vollständig erklären lässt. Wir suchen die Ursachen für Erschöpfung, Sprachlosigkeit, chronische Erkrankungen, Niedergeschlagenheit ausschließlich in unserer eigenen Lebensspanne oder der Familiengeschichte. Doch was, wenn die Wurzeln viel weiter ausgreifen – in die „großen Linien“ unserer gemeinsamen Geschichte?


Vor kurzem durfte ich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) in Uslar mein Format der Historischen Erkundungsaufstellungen (Hierka)® vorstellen. Das Thema „Ordnungen der Liebe und Diversität“ bot den Rahmen, um eine Frage zu untersuchen, die mich seit langem bewegt:

Kann es sein, dass Menschen heute – auch ohne biologische Verwandtschaft – allein durch ihre Identität und die geteilte Geschichte mit dem kollektiven historischen Trauma ihrer - hier der queeren - Gemeinschaft verbunden sind?

Die Lücke in unserem Geschichtsverständnis

In meiner Arbeit als Historikerin (M.A.) und Heilpraktikerin stelle ich immer wieder fest: Unser Geschichtsunterricht ist oft kognitiv, visuell und datenfokussiert. Er lehrt uns Fakten, aber er erreicht selten die empathische Ebene. Doch genau dort, wo die Geschichte den Körper berührt, liegt der Schlüssel zur Klärung.

Mein sehr erfahrener und geschätzter Kollege Jochen Bickert fasste es treffend zusammen:

„Geschichtliches Wissen ist bei der therapeutischen Arbeit essentiell, um transgenerationale Weitergabe verstehen und entziffern zu können.“

Mein Impulsvortrag bot zunächst Einblicke in 300 Jahre Sexualgeschichte im deutschsprachigen Raum.


In der Historischen Erkundungsaufstellung zum Thema „Diversität und Queersein“ wurde das historische Trauma dieses Themas dann für alle Anwesenden greifbar.

  • Der Schutzpanzer: Wir sahen die queere Gemeinschaft, die sich einen Panzer aus Härte zugelegt hatte, während die eigentliche Lebenskraft und Lebensfreude weit entfernt am Fenster stand. Erst durch gesellschaftliche Akzeptanz und Unterstützung fühlte sich diese "Rüstung" weicher und leichter an.

  • Das verstummte Leid: Die „verschollenen Stimmen“ – die Opfer der NS-Diktatur, die unschuldig Verurteilten des Paragrafen 175 und die 34.000 Aids-Toten – standen eng aneinandergelehnt und mit geschlossenen Augen mit der heutigen Suizidalität der queeren Gemeinschaft im Feld am Bodenanker heutiger medizinischer Möglichkeiten physischer Transition. Könnte es sein, dass es ein Zeichen dafür ist, dass ungelöste, beiseite geschobene Trauer hier über Generationen hinweg weiter wirken kann?

  • Die vergessene Ressource: Die großartige Tradition homoerotischer Geisteskultur stand zunächst unbeachtet am Rand. Erst als sie als kraftvolle Ressource gewürdigt wurde, konnte sie sich aufrichten und ihre Stärke dem System zur Verfügung stellen.


Die heilende Kraft des Ho’oponopono

Den Abschluss der Aufstellung bildete ein zutiefst berührendes Ho’oponopono – ein hawaiianisches Ritual der Aussöhnung. Als sich die heteronormative Mehrheit und die queere Minderheit gegenüberstanden und gegenseitig die Sätze aussprachen: „Es tut mir leid, bitte verzeih mir, ich danke dir, ich liebe dich“, gab es einen Moment inniger Verbundenheit und großen Schmerzes, der hier spürbar wurde. Der Stellvertreterin, die für die verschollenen Stimmen stand, liefen unablässig die Tränen über das Gesicht.


Fazit: Biografische Hausaufgaben für die innere Freiheit

Ich bin überzeugt, dass es hilfreich ist, wenn wir unsere Vergangenheit auch empathisch wahrnehmen, um die schweren Traumata zu sehen, sie zu würdigen und die Gegenwart dann leichter leben zu können. Biografische Klärung ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung für echte innere Freiheit. Mit den Historischen Erkundungsaufstellungen habe ich einen geschützten Rahmen geschaffen, in dem wir das Gute der Ahnen annehmen und den belastenden Rest in Liebe anerkennen, akzeptieren und gesehen zurücklassen können.


Möchten Sie diese Erfahrung selbst machen? Am 13. Mai 2026 biete ich eine Online-Wiederholung dieser Aufstellung an, um gemeinsam die Ressourcen in der Geschichte zu entdecken.


Haben auch Sie das Gefühl, dass Themen in Ihrer Familie wirken, die über Ihre eigene Zeit hinausgehen? Schreiben Sie mich gerne an, wenn es ein Thema gibt, dem Sie sich auf der kollektiven Ebene zuwenden wollen.




Über die Autorin: Julia von Grünberg hat an der FU-Berlin Geschichte studiert, Bücher über deutsche Geschichte geschrieben und kombiniert heute ihre Arbeit als Heilpraktikerin und Therapeutin mit ihrem Wissen über die Vergangenheit im deutschsprachigen Raum. Dafür hat sie das Format der Historischen Erkundungsaufstellungen (Hierka) entwickelt. Das ist ein niedrigschwelliger Einstieg in heilsame Erinnerungsarbeit für Menschen auch ohne Vorwissen, die sich in einer Hierka kollektiven Traumata aus verschiedenen Jahrhunderten nähern können, ohne von ihrer eigenen persönlichen Geschichte erzählen zu müssen.

 
 
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